18.09.2020

Familiengeschichten und Rassismus

Von nora

Er hat eine klangvolle Stimme. Ein Ton der ganz tief im Bauch sitzt. Es beruhigt mich wenn er spricht.

Er erzählt über seine Familie, die eigentlich auch meine ist, über Zusammenhalt, Missverständnisse und Vergebung.

Als ich ihn frage, ob ihm in seinem Alltag schon einmal Rassismus begegnet sei, erzählt er mir eine Geschichte, die mir die Augen öffnet für den strukturellen Rassismus in Deutschland. Dinge, die man nicht erlebt, wenn man weiß ist. Dinge, die sprachlos machen, wenn man zum ersten Mal davon hört.

In der Schule haben wir gelernt was im zweiten Weltkrieg geschah. Wir haben in nahezu jedem Schulfach Einblicke in den Wahnsinn der Nationalsozilisten erhalten. Wir wissen so etwas darf nie wieder passieren. Und doch gibt es auch heute noch Menschen, die die gleichen Denkweisen haben und Dinge tun, die andere fassungslos machen sollten.

Aber so ist es nicht. Es macht uns nicht mehr fassungslos. Die Akzeptanz steigt. Menschen, die sich selbst nicht für Rassisisten halten, sagen Dinge, die auf Propaganda-Plakaten landen, laufen auf Demos und schleudern Parolen, nennen sich selbst „Die Mitte“ und sind doch ganz weit rechts.

Was ist das mit dem Rassismus? Wie sind wir so weit gekommen oder waren wir nie woanders?

Rassismus war immer da. Zeitweise leiser, unter der Oberfläche und heute wieder ganz laut.

Es gibt offensichtlichen Rassismus, aber auch solchen, den man kaum erkennt.

Rassismus steckt auch in der harmlosen Frage: „Woher kommst du?“ Denn sie impliziert, dass der Gegenüber anders ist als der Fragende. Dass er nicht Teil Gesellschaft sein kann. „Anders als wir“ – es wird ein WIR gebildet, dass im Kontrast steht zu dem ANDEREN. Es wird eine Abgrenzung vorgenommen, die zwangsläufig zu Ausgrenzung führt. Ein Satz. Eine Frage. Eigentlich ganz harmlos.

Wenn ich mit Menschen spreche, höre ich oft: „Kann man denn jetzt garnichts mehr sagen?“

Ich weiß es nicht.

Ich bin weiß. Und wenn ich über Rassismus spreche, wird es immer etwas sein, dass ich nie ganz erfassen werde. Ich spreche nicht FÜR People of Color. Das wäre anmaßend. Ich spreche über Dinge die mich bewegen, über Erlebnisse und Gedanken. Ich teile Dinge, die mir wichtig sind, versuche zu verstehen und nicht Teil des Problems zu sein.

Ich weiß nicht „was man sagen kann“. Aber ich weiß, dass Respekt, Zuhören und Perspektivwechsel wichtige Schritte sind.
Wir können nicht pauschal sagen, was in Ordnung ist und was nicht. Denn es gibt auch nicht DIE Community für People of Color, die für alle Menschen entscheidet was richtig ist.
Es ist immer das Gegenüber das zählt. Der Mensch, dem wir in die Augen sehen.

Als er beginnt mir seine Geschichte zu erzählen, sitzen wir im Bad meiner Tante, um ungestört zu sein. Es hallt und seine Stimme klingt tief durch den Raum. Er zeichnet ein Bild in meinem Kopf, als er spricht.
Er steht auf dem Fußballfeld. Fußball war immer seine Leidenschaft. Er sagt, seine Schwester sei immer besser gewesen als er. Aber sie hat irgendwann aufgehört. Es ist bei einem Spiel. Vermutlich gab es einen Grund. Es gibt immer einen Grund, der eigentlich keiner ist. Die Emotionen kochen hoch. Es werden Affengeräusche gemacht. Jemand schreit: „Du schwarze Sau!“

Er duckt sich nicht. Bleibt nicht stumm.
Er geht vor Gericht. Im Fußball soll es doch vor allem fair zugehen. Alle für einen, einer für alle. Es ist klar, er muss gewinnen. Es ist klar es ist Rassismus.

Das Gericht entscheidet.
Es entscheidet: „Sie sind nicht schwarz genug, als dass schwarze Sau eine Beleidigung für sie darstellen könnte.“

Die Fliesen sind kalt in meinem Rücken. Hat er das gerade wirklich gesagt? Ich frage: „Wann war das?“ So als ob die Antwort darauf in irgendeiner Weise eine Erklärung wäre. Als ob sie alles in Perspektive rücken würde. Als ob es, wenn es nur lange genug her ist, nichts mehr mit der Gesellschaft zu tun haben kann, in der wir heute leben. Heute kann sowas doch nicht wirklich passieren. Mir fällt ein dass er so alt ist wie ich. Es ist nicht lange her. Es ist ein Problem unserer Gesellschaft. Jetzt. Heute.

Immer wenn ich daran denke oder diese Geschichte erzähle, bekomme ich eine Gänsehaut und mein Hals schnürt sich zu. Mein Körper und mein Geist wissen kaum wie sie darauf reagieren sollen. Immer noch.

Es ist eine Geschichte von so vielen da daußen.
Es reicht nicht mehr einfach nur Nicht-Rassistisch zu sein. Wir müssen etwas tun.

Was wir tun können? Zunächst einmal uns informieren. Denn es gibt so viele Dinge, die so tief in unserem Denken verankert sind, dass wir nicht einmal bemerken, dass das was wir sagen jemand anderen verletzen und herabsetzen könnte.
Wenn wir Eltern sind, können wir dafür sorgen, dass unser Kind Vielfalt sieht. In seinem Umfeld, aber auch durch entsprechende Kinderbücher.

3 Bücher für den Einstieg:
Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche
von Reni Eddo-Lodge
Was bedeutet es, in einer Welt, in der Weißsein die unbestrittene Norm ist, nicht-weiß zu sein? Reni Eddo-Lodge geht in ihrem Buch auf eine Spurensuche, bei der sie die Geschichte des Rassismus genauer beleuchtet und zeigt, wie die Ungleichbehandlung über Generationen hinweg zum festen Anker der Gesellschaft werden konnte.
The Hate u give
von Angie Thomas
Ein Roman. Autorin Angie Thomas erzählt in ihrem Buch die Geschichte der 16-jährigen Starr, die das Gefühl hat, zwischen zwei Welten gefangen zu sein: Sie lebt in einem ärmlichen Viertel, besucht aber eine teure Privatschule. Als ihr bester Freund Khalil von einem Polizisten getötet wird, ist Starr gezwungen, das Gleichgewicht ihrer zwei Welten in Frage zu stellen.
Im Meer schwimmen Krokodile
Fabio Geda
Ein Roman. FabioGeda erzählt die wahre Geschichte des zehnjährigen Enaiatllah Akbari, der eines morgens allein erwacht. Er hat nichts als seine Erinnerungen und die drei Versprechen, die er seiner Mutter gegeben hat. Mit dem Ziel ein besseres Leben zu finden, begibt er sich auf die lange Reise Richtung Westen.

3 schöne Kinderbücher:
Ich bin anders als du – ich bin wie du
von Constanze von Kitzing 
Das Wendepappbuch setzt sich auf kluge Art mit dem Thema „Anders sein“ auseinander. Viele unterschiedliche Kinder können sich in dieser Lektüre über Individualität und Gemeinschaft wiederfinden
Julian ist eine Meerjungfrau
von Jessica Love
Ein bemerkenswertes Werk über Individualität und Akzeptanz mit einer Hauptfigur, die fernab von Geschlechterklischees agiert – und agieren darf. Plus: Ausnahmslos alle abgebildeten Personen sind Schwarz.
Maya Angelou: Little People, Big Dreams. Deutsche Ausgabe.
von Lisbeth Kaiser
Die Bilderbuchbiografien einiger inspirierender Schwarzer Persönlichkeiten (unter anderen Rosa Parks, Muhammad Ali, Maya Angelou) eignen sich als Einstieg in die Auseinandersetzung mit Rassismus.

Das ist natürlich nur ein kleiner Einstieg. Informier dich gern selbst über Bücher, die dich interessieren.

Foto: aus meinem Projekt DER SCHWARZE PANTHER.
Das ganze Projekt findest du bei Instagram unter: Lichtbildnisse.art