07.10.2020

Einfachlose – Verpackungsfrei einkaufen in Troisdorf

Von nora

Es ist mein erster Besuch in einem Unverpacktladen. Das Auto kann auch gleich stehen bleiben. Mit der Bahn nach Spich – vom Bahnhof aus sind es keine 4 min zu Einfachlose. Ich bin froh, dass wir jetzt einen Unverpacktladen in der Nähe haben und ich bin gespannt, was mich erwartet.

Was ist das eigentlich ein „Unverpacktladen“? Was bedeutet es „verpackungsfrei einzukaufen“? Und wie funktioniert das eigentlich?

Als ich den Laden betrete, es ist so kurz nach 9 am Morgen, ist bereits geschäftiges Treiben und einige Damen wuseln durch den Laden auf der Suche nach den Dingen auf ihren Einkaufslisten.
Ich habe meine Kamera dabei. Heute bin ich nicht zum Einkaufen hier und dennoch lasse ich es mir nicht nehmen, durch den Laden zu streifen und alles zu erkunden, was es hier so gibt. Ich bin begeistert von den Angeboten, die von Lebensmittel, über Kosmetikartikel bis hin zu wechselnden Artikeln reichen, wie Schulbedarf oder Saisonartikeln. Ich sehe Frischkäse im Glas, Gemüsebrühe zum Abfüllen, Deo als feste Creme und die obligatorischen Abfüllbehälter aus Glas in denen Nudeln, Reis und Mehl in unterschiedlichen Ausführungen bereit stehen.

Ich frage mich, wie man das so macht mit dem unverpackt Einkaufen und bin selbst ganz unvorbereitet. Ich sehe, wie sich die Kunden ganz selbstverständlich durch den Laden bewegen und persönlich begrüßt werden, wie vetraute Bekannte. Sie haben ihre Behälter dabei – vom Döschen, über Stoffbeutel bis zum Einmachglas. Alles kommt einmal leer und dann gefüllt auf die Waage und wird per Gewicht abgerechnet.

Nach einer Weile haben wir den Laden für uns – Regina und ich. Regina ist die Geschäftsführerin. Heute sehe ich sie zum ersten Mal live und in Farbe, nach einigen Nachrichten, die wir zuvor ausgetauscht haben. Sie ist unverblühmt, echt, direkt und herzlich. Sie trägt das Herz auf der Zunge und ist eine Frau die anpackt.
Der Unverpacktladen ist ihr Traum, sagt sie. Sie hat alles selbst gemacht und in unzähligen Stunden Regale aufgebaut, gestrichen, Händler ausgesucht und mit Hilfe einer Freundin ihren Businessplan geschrieben.

Ein Dreiviertel Jahr hat es gedauert bis sie ihren Traum verwirklichen konnte.

Das Gefühl jetzt hier zu stehen sei einfach unbeschreiblich. Ihre Augen leuchten als sie das sagt. Sie erzählt mir von all den Steinen, die ihr in den Weg gelegt wurden und davon, wie sie einfach immer weiter gemacht hat, bis am Ende ihr Laden stand.

Einen Unverpacktladen zu eröffnen war quasi eine berufliche Konsequenz resultierend aus ihrem privaten Engagement. Sie engagiert sich federführend bei den Grünen in Troisdorf, hat jahrelang mit Foodsharing Lebensmittel gerettet, die sonst im Müll gelandet wären und sich mit Essensspenden um Drogenabhängige in Troisdorf nah der Diakonie gekümmert. Troisdorf ist die Wahlheimat der gebürtigen Kölnerin. Hier fühlt sie sich wohl. „Es ist so dörflich hier“, sagt sie. Gemeinschaft und Zusammenhalt sind ihr wichtig.

Mit ihrem Laden möchte sie aufklären, zum Umdenken bewegen und sich dafür einsetzen, dass weniger Plastik und Verpackungsmüll verwendet wird. Seit 1950 sind weltweit mehr als 8,3 Milliarden Tonnen Plastik hergestellt worden, nicht einmal 10% davon wurden recycelt. Den größten Teil des Plastikverbrauchs machen Einwegprodukte und Verpackungen aus.
Regina hat lange im Einzelhandel gearbeitet und beobachtet, wie tonnenweise Lebensmittel weggeschmissen werden und wieviel Verpackungsmüll unnötig entsteht. „Die nehmen eine Ananas, schneiden sie in Stücke und packen sie in eine Plastikverpackung – das ist doch total bescheuert“.

Wir müssen umdenken. Gezielt einkaufen, nur das was wir brauchen und statt Plastik Glas mit Pfandsystem verwenden oder einfach unseren eigenen Behälter mitbringen. Der Plastikmüll, der durch uns entsteht, wird als Ressource weiter verkauft an Entwicklungsländer, denen ein sinnvolles Müllsystem fehlt. So gelangen die Abfälle zu Tonnen im Meer. Auf den Weltmeeren treiben riesige Plastikteppiche und die Schadstoffe gelangen durch die Flüsse zurück in unsere heimischen Gewässer, durch Verdunstung und Niederschlag in unsere Umgebungsluft, ins Grundwasser und so in unseren Haushalt.

Es ist ein Kreislauf, den wir beeinflussen können. Wenn wir auf den To-Go-Becher verzichten, wenn wir statt Duschgel aus Plastikflaschen Seife kaufen, wenn wir Zahnbürsten aus Holz kaufen und Tomaten ohne Plastikverpackung, wenn wir richtig kochen, statt Fertigessen zu kaufen. Wir können klein anfangen mit diesen Dingen. Wir können uns informieren und Schritt für Schritt anders konsumieren.

Wir können auch einfach mal was neues ausprobieren. Vielleicht stellen wir ja fest, dass es uns besser gefällt, als der Weg, den wir vorher gegangen sind.

Ein Frau verwendet aufgrund ihrerer Periode rund 12 000 – 15 000 Hygieneartikel wie Tampons oder Binden. Ein Tampon besteht bis zu 6%, eine Binde bis zu 90% aus Kunststoff. Alternativen sind waschbare Artikel, wie Stoffbinden oder Periodenunterwäsche oder Mehrwegprodukte, die wiederverwendet werden können wie z.B. die Menstruationstasse.

Solche Artikel sind nicht nur für unsere westliche Welt ein Fortschritt, sondern wären auch für Entwicklungsländer wichtig. In diesen armen Regionen können sich Mädchen keine Artikel für die Monatshygiene leisten und bleiben daher während ihrer Periode den Schule fern.

Wir können es ausprobieren. Mal was neues wagen und dabei noch etwas für die Umwelt tun.

Ein Drittel aller Frauen der westlichen Industrieländer verwenden bis zu 15 unterschiedliche Kosmetik-Produkte täglich, die bis zu 100 Chemikalien enthalten, einige davon u.a. Mikroplastik sind äußerst schädlich für uns selbst und unsere Umwelt. Besonders schwangeren Frauen und deren ungeborenen Kindern können sie schaden. Deo enthält Aluminium, wird oft in Plastiksprühflaschen verkauft und schädliche Zusatzstoffe gelangen durch die feinen Partikel über unsere Poren in unseren Organismus.

Ich stöbere in den Drogerieartikeln und würde am liebsten gleich alles mitnehmen. Alles ist liebevoll platziert und sorgfältig ausgewählt.
Was noch fehlt, frage ich in unserem Interview. Ein junger Mann streift durch den Laden. Regina spricht ihn persönlich an. Er ist hier Stammkunde. „Was fehlt denn noch für die Männer?“, fragt Regina. Der junge Mann trägt noch seinen Fahrradhelm und überlegt kurz. Ihm scheint nichts zu fehlen.
„Neue Rasierer.“, sagt Regina und dreht sich wieder zu mir um. Die sind alle schon weg. Mit ihrem Angebot orientiert sich Regina sehr an ihren Kunden. Es komme schonmal vor, dass die Kunden nach etwas bestimmtem fragen würden und wenn es möglich sei, nehme sie das dann mit auf in ihr Sortiment.

Auf einem Flyer stoße ich auf die Workshops. Ein wechselndes Angebot von Workshops, bei denen man auch mal selbst was herstellen kann wie z.B. Naturkosmetik, natürliche Reinigungsmittel und jetzt im Herbst Produkte gegen Erkältungen und das wiederentdecken von Wickel und Auflagen. Für die Kleinsten bietet Regina Kürbisschnitzen an. Ich nehme mir vor, das am nächsten Wochenende mal mit meinem Kind wahrzunehmen. 5€ pro Kürbis, mit Anmeldung.

Businessfotos für nachhaltige Unternehmen in NRW

Ich will gar nicht gehen, so schön ist es hier und so spannend ist es ihre Geschichten zu hören. Aber ich nehmen sie mit, die Geschichten und trage sie zusammen mit den Fotos hinaus in die Welt. Als nachhaltige Fotografin möchte ich Unternehmen sichtbar machen, die sich sozial und ökologisch engagieren. Ich möchte, dass sie wettbewerbsfähig sind und irgendwann in der Lage sind die Firmen zu überholen, die ausbeuten, die nur nehmen und nichts geben.

Wir müssen fair handeln gegenüber Handelspartnern, deren Waren wir importieren. Wir müssen Lebensmittel biologisch anbauen, ohne unserer Umwelt zu schaden. Wir können etwas tun mit der Art, wie wir konsumieren. Wir können uns entscheiden regional zu kaufen, fairtrade, bio und am besten auch verpackungsfrei. So gut wir können.

Wenn man etwas verändern will, muss man auch etwas tun, sagt Regina.

Wenn ihr auch mal reinschauen wollt bei Einfachlose:
Mo-Fr. 10:00-13:00 und 14:00-18:30 Uhr
Sa. 9:00-16:00 Uhr
Hauptstraße 154
53842 Troisdorf
(schaut aber besser auch mal auf der Homepage, falls sich was geändert haben sollte)